Vor rund 15 Jahren endete der Geschäftsbetrieb des Ford-Autohauses Hellinger im niederbayerischen Abensberg. Die Marke - und besonders den Capri - trägt die Familie dennoch im Herzen.
Ferdinand Hellinger jr. sperrte Autohaus und Werkstatt am 30. September 2011 ab. Noch bis vor fünf Jahren besaß der heute 76-Jährige einen Capri-Werksturbo. „Ich musste ihn leider verkaufen. Zum Herumstehen war er zu schade und das Auto selbst zu fahren war mir in den letzten Jahren zu beschwerlich geworden“, sagt er.
Das Thema Capri interessierte ihn jedoch weiterhin. Und so entdeckte er vor einiger Zeit beim Herumstöbern im Netz die Homepage des Capri Club Deutschland. „Dort fand ich auch die Möglichkeit, die Clubzeitschrift zu abonnieren. Nun freue ich mich dreimal jährlich über die ,Aktuell‘ im Briefkasten“, so Hellinger.
Auch seine Mutter, die mittlerweile 96-jährige Walburga, ist noch immer an Ford-Themen interessiert. „Sie ist wie ich fassungslos darüber, was heute in Köln so gemacht wird. Über die Modellpolitik - hier insbesondere die verunglückte Namenswahl ,Capri‘ für ein hochgebautes viertüriges Elektroauto - können wir nur den Kopf schütteln. Insbesondere weil wir viele Erinnerungen an Köln haben, da wir als Händler früher auch mehrfach zu Präsentationen oder Schulungen dort waren“, erinnert er sich.
Walburga Hellinger stand 2017 mit ihren Erinnerungen im Mittelpunkt einer Geschichte, die im Regionalmagazin „Gschichten entlang der Abens“ erschienen ist. Darauf greifen wir in einigen Passagen zurück.
Erinnerungen von Mutter Walburga
Geboren wurde Walburga Hellinger 1929 in Abensberg. Ihre Eltern Walburga und Leodegar Seidl hatten gerade eine Werkstatt in der dortigen Straubinger Straße eröffnet. Am 1. Januar 1924 hatte er sich mit 26 Jahren selbstständig gemacht. „In der Mahlergasse hatte er in einem Stadl eine Werkstatt, da hat er nicht mal einheizen können, das muss man sich vorstellen. Er hat halt vor allem Räder gerichtet. Es war die erste Werkstatt dieser Art in Abensberg. Autos gab es kaum. Ich kann mich erinnern, dass die Garage noch wie ein Stall für Pferd und Kutsche ausschaute, mit einem Ablauf in der Mitte.“
1926 kaufte Leodegar Seidl ein Grundstück in der Straubinger Straße, dort wo sich später die Ford-Vertretung befand. Ein Haus und eine kleine Werkstatt wurden gebaut. „Meine Eltern hatten die erste Radl- und Motorradwerkstatt in Abensberg, später kam eine Autowerkstatt hinzu. 1931 haben sie auch eine Tankstelle eröffnet und sie 1935 sogar überdachen lassen. Das war die einzige Tankstelle mit Überdachung weit und breit.“
Am 27. April 1945 ging es dem Ende des 2. Weltkriegs entgegen. In der Abensberger Gegend kommt es noch zu Scharmützeln zwischen den deutschen Armee-Resten und der vorrückenden amerikanischen Truppe. In der Nacht vom 27. zum 28. April lieferten sich die deutschen Truppen, die östlich in den Wäldern zwischen Abensberg und Offenstetten standen, ein Artillerieduell mit den Amerikanern, um deren Übergang über die Donau bei Eining zu verhindern. Einige zu kurz gezielte Granaten schlugen auch in Abensberg ein.
Tod in den letzten Kriegstagen
Eine davon schlug kurz nach Mitternacht in einer Wellblechgarage Seidls an der Grundstücksgrenze ein. Gelagerte Treibstoffe führten zu einer 20 Meter hohen Flamme. Leodegar Seidl versuchte, das Feuer, das Gebüsch und Bäume erfasst hatte, vom Haus fernzuhalten, genauso wie der Nachbar Martin Regler. Dieser schrie plötzlich und geistesgegenwärtig „Hinlegen“, weil er herannahende Artilleriegeschosse hörte. Die Amerikaner schossen nochmal eine Granate auf die fast gleiche Stelle. Leodegar Seidl schlug ein Granatsplitter die Hauptschlagader ab, er starb an Ort und Stelle.
Walburga Hellinger: „Jetzt war zwar der Krieg aus, aber es war großes Chaos. Das Haus kaputt, wir zwei Frauen allein. Meine Mutter war 43, ich 16 Jahre alt. Gleich momentan meinten wir, es ist aus. Meine Mutter verbrannte schon Prospekte und Unterlagen vom Geschäft her. Und dann meinten einige Menschen aus der Kundschaft zu meiner Mutter, dass sie doch weitermachen müsste. Zufällig kam auch ein ehemaliger Mitarbeiter meines Vaters, Richard Zieglmeier, der sogar bei meinem Vater gelernt hatte, wieder nach Abensberg. Er fing bei uns das Arbeiten an und zog sogar mit Frau und Kind in unser Haus.
Jetzt mussten wir alles schmeißen. Wir hatten weiterhin DKW-Motorräder und richteten Autos, und auch die Tankstelle, nun ohne Dach, hatten wir. Vom ersten Tag weg war ich in der Werkstatt, damit ich die Leute kennenlerne, wo mir das gar nicht gepasst hat oder geschmeckt hat. Ins Autogeschäft wollte ich nicht, auch nicht in die Werkstatt mit den Männern, das war nicht meine Welt. Aber die Frage stellte sich nicht. In der Werkstatt lernte ich Radl flicken und allerhand zum Handlangern.
Leodegar Seidl (linkes Bild, Mitte) 1943 mit einem Ford Modell BB und kriegsbedingt abgedunkelten Scheinwerfern. Im rechten Bild die junge Walburga Hellinger.
Man konnte nichts kaufen, bis zur Währungsreform 1948 nicht. Die Leute hatten so schlechte Reifen auf ihren Rädern und man hat dauernd Löcher reingefahrn. Schon wegen der schlechten Straßen und alles ist rumgelegen.“
Nach der Währungsreform ging es dann langsam bergauf. Walburga Hellinger: „Aber es gab auch nicht gleich alles. Ich weiß, meine Mutter fuhr mit dem Zug nach München zu den Metzeler Gummiwerken, um Radlreifen zu bekommen. Sie meinte, sie könnte zehn Reifen mit dem Zug nach Hause fahren. Dann hat sie zwei bekommen und die hätten die Leute ihr auf der Straße abgekauft. Die hatten ja alle Bedarf. Es dauerte, bis es mehr gab.“
Bräutigam ist Automechaniker
Richard Zieglmeier machte sich zwischenzeitlich selbstständig, Walburga lernte ihren späteren Ehemann, Ferdinand Hellinger, kennen. Passenderweise ein Automechaniker. Hochzeit 1951, ein Jahr später kam Ferdinand junior zur Welt. „Wir haben gearbeitet und gearbeitet, um das Geschäft aufzubauen. Die Tankstelle war in der Früh bis in die Nacht jeden Tag offen, auch am Sonntag. Wie oft ich da hin und her eilen musste, Büro zur Zapfsäule und zurück“, erinnert sich Walburga. Währenddessen Ferdinand senior in der Werkstatt werkelte.
1956 wurde eine Waschhalle mit Hebebühne und Ausstellungsraum errichtet. Zum Verkauf standen Pkw der Marke DKW. Ursprünglich die Abkürzung von „Dampfkraftwagen“. 1962 wurde zusätzlich ein Verkaufs- und Werkstattstützpunktvertrag mit der Firma Hanomag abgeschlossen und die Werkstatt erweitert.
Bis 1965 waren die Hellingers auf DKW spezialisiert. Die Auto Union GmbH besaß den Markennamen DKW schon seit 1932. Nach Übernahme der Auto Union GmbH durch den Volkswagen-Konzern wurde die Produktion von Zweitakt-Fahrzeugen eingestellt und die Marke DKW fallengelassen. So zogen 1965 die Modelle des Hauses Ford an der Straubinger Straße ein. Walburga Hellinger: „Wir hatten nun ein gutes Autogeschäft. Gegenüber kauften wir das Grundstück und bauten einen Ausstellungsraum und darüber eine Wohnung. Wir hatten wirklich gewerkelt. Dann erhielt mein Mann 1970 die Diagnose Magenkrebs und starb 1971. Ich war mit 42 Jahren Witwe, wie meine Mutter 26 Jahre zuvor. Mein Sohn war 18 Jahre und schon im Kfz-Gewerbe und wir hatten auch noch einen Meister, also machten wir das Geschäft weiter. Man konnte nicht anders, man war im Kreislauf und musste ja Geld verdienen. Später machte mein Sohn das Geschäft weiter, erst 2011 hat er aufgehört.“
Die mit Blumen geschmückte Ford-Modellpalette. Leider 1967, zwei Jahre vor Erscheinen des Capri, abgelichtet. Die Zapfsäulen des Mineralölkonzerns Shell standen zu diesem Zeitpunkt im Freien (unter der großen Laterne).
[Zusammenstellung: Marc Keiterling - Fotos: Ferdinand Hellinger]












